Widerstand ist zwecklos! - Trauer als Widerstand gegen die Realität

Trauer hat viele Aspekte und kann auf viele Arten beschrieben werden. Einer davon ist, dass Trauer ein Ausdruck unseres Widerstandes gegen die Realität ist.

 

Schon Buddha hat vor Tausenden von Jahren in der Lehre von den “4 Edlen Wahrheiten” gesagt, dass Schmerz Teil des menschlichen Lebens ist und unser Widerstand gegen die Realität die Ursache unseres Leidens ist, nicht die Realität selbst.

Also erscheint es naheliegend zu sagen: der Widerstand muss weg! Daher die gut gemeinten Sprüche wie: “Du musst einfach loslassen.”, “Du musst die Realität akzeptieren” etc.

 

Der Mensch als Wesen mit Zukunft und Vergangenheit

 

Wir Menschen sind - im Gegensatz zu anderen Tieren auf der Welt - Wesen mit Vergangenheit und Zukunft. Wir leben so sehr in unseren Erinnerungen und Zukunftsszenarien, dass wir sie meist für realer halten als die Realität.

So abgeklärt und erwachsen wir vielleicht auch zu sein glauben, uns Menschen macht es ungeheuer viel aus, wenn das, was wir uns vorstellen nicht mit dem übereinstimmt was tatsächlich ist - weil wir glauben, dass die Dinge so sein sollten, wie wir sie uns in unserem Geist vorstellen.

 

Und nichts kommt ungebetener als der Tod. Den haben wir selten geplant.

 

Wenn Mama mir keine Schokolade gibt bin ich nicht ok

 

Unser Widerstand geht los, wenn wir ungefähr 2-3 Jahre alt sind und uns zum Beispiel vorstellen, dass wir an der Supermarktkasse Schokolade bekommen. Wir imaginieren schon das gute Gefühl, wenn Mama oder Papa uns die Schokolade kauft, wir sie öffnen und schmecken. Und dann sagt Mama oder Papa “Nein”. So erleben wir zum ersten Mal hautnah die Diskrepanz zwischen dem, was wir uns vorstellen und dem, was tatsächlich ist.

 

Nun könnten wir diese Diskrepanz dadurch beheben, dass wir uns in die Realität fügen und die ganze Sache abhaken. Schwupp, schon würde etwas anderes unsere Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen und die Sache wäre vergessen.

Aber in diesem Alter hat sich schon ein Teil von uns entwickelt, den man gerne “Ego” nennt. Dieses Ego will dafür sorgen, dass wir hier auf Erden gut zurechtkommen, kein Leid erleben, unsere Bedürfnisse erfüllt werden, wir Erfolg haben und das bekommen was wir wollen.

 

Und dieses kleine Ego findet: wenn die Realität anders ist, als wir sie wollen, dann stimmt etwas mit der Realität nicht! Das muss schnellstmöglich behoben werden - und zwar so, dass die Realität sich an das anpasst, was wir wollen und nicht umgekehrt!!

 

Dafür erfindet es dann den Trotzanfall oder andere clevere manipulative Techniken mit denen man Eltern weich kochen kann.

Natürlich ist das nicht dasselbe wie einen Todesfall zu erleben - dennoch ist das Prinzip das gleiche!

 

Trauer als Trotzanfall unseres Egos

 

Wenn ein für uns wichtiger Mensch stirbt, dann passieren zwei Dinge:

  1. wir haben Erinnerungen an diesen Menschen und leiden, weil die Existenz des Menschen in unseren inneren Bildern nicht der äußeren Realität entspricht und
  2. wir denken an die Zukunft und alles, was wir mit dem Menschen noch hätten erleben wollen und leiden, denn wieder stimmen unsere inneren Bilder nicht mit dem überein, was wir im Außen erleben.

Wenn sich unsere Vorstellung nicht mit dem deckt, was tatsächlich ist, dann reagieren wir mit Gefühlen wie Verzweiflung, Wut, Trauer oder Hoffnungslosigkeit. Das ist Ausdruck unseres kindlichen Egos dafür, dass es mit der Diskrepanz zwischen seinen Wünschen einerseits und der Realität andererseits nicht klar kommt.

 

Leid = Schmerz x Widerstand

 

Widerstand gegen das, was ist, ist vielleicht nicht der weiseste Umgang mit der Realität, aber ausgesprochen menschlich. Wir alle haben ihn! Er hat keinen besonders guten Ruf, will aber eigentlich unser Bestes!

Im Buddhismus gibt es die Formel: Leid = Schmerz x Widerstand.

 

Verlust erzeugt bei Menschen einen starken Schmerz, der aus unserem Bindungssystem herrührt. Wir sind zutiefst soziale Wesen und Verlust verursacht oft ähnlich große Schmerzen wie eine schwere körperliche Verletzung. Jeder, der schon einmal einen geliebtes Wesen verloren hat, kennt diesen Schmerz.

 

Sobald dieser Schmerz auftritt mischt sich das Ego ein, denn es will nicht, dass wir die Realität akzeptieren. Es will uns vor dem Schmerz schützen, denn es befürchtet, er gehe nie vorbei oder würde uns umbringen.

 

So entsteht Leid: indem das Ego verlangt, dass die Realität anders sein möge, als sie ist!

 

Es will uns sagen: "Hey, das ist falsch, das ist ungerecht! Das hätte nicht passieren dürfen! Da hätten wir ein Mitspracherecht haben müssen!", in der Hoffnung, dass es uns dann besser ginge.

 

Viele Trauernde leiden - wie ich selbst - jahrelang unter diesem Widerstand gegen die Realität und schämen sich - wie ich selbst - gleichzeitig furchtbar dafür, dass sie im Widerstand sind, weil sie denken, sie müssten längst darüber hinweg sein.

 

Warum, warum, warum?

 

Warum ist die Realität anders, als ich sie wollte? Kinder (und Egos!) kommen nicht auf die Idee, dass es darauf keine Antwort gibt, weil die Frage müssig ist.

 

Also beginnen wir nach Antworten dafür zu suchen, warum alles so anders gekommen ist. Meist finden wir die Schuld abwechselnd bei uns, bei anderen, bei unserem verstorbenen Menschen oder bei Gott (der sich offenbar geirrt hat).

Und dann beginnt das, was im Buddhismus Leid genannt wird: wir verstricken uns in leidvolle Geschichten über die Realität, wie z.B.

  • Das hätte nicht geschehen sollen.
  • Ich werde nie mehr glücklich sein.
  • Ich habe etwas falsch gemacht.
  • Wenn ich xy anders gemacht hätte, dann ...
  • Xy hat etwas falsch gemacht.
  • Mein Leben ist vorbei.
  • und so fort ...

Warum nicht sein darf, was ist!

 

Der Grund für den Widerstand des Egos ist, dass es schreckliche Angst davor hat, das Leben nicht kontrollieren zu können. Es befürchtet, dass das noch schlimmere Gefühle mit sich bringen würde als der Widerstand selbst. Es denkt, wir wären dann ungeschützt dem Leben ausgesetzt, wie Spielbälle des Schicksals ...

 

Dieser Angst setzt es seinen Widerstand entgegen, in der Hoffnung, dann wenigsten ein bisschen Kontrolle (oder besser: Illusion von Kontrolle) zu haben. Auch wenn es Verzweiflung, Wut oder Depression kostet!Den Widerstand aufzugeben wäre für unser Ego eine Niederlage, ein Eingeständnis in die Unkontrollierbarkeit und Komplexität des Lebens. Und was wäre das für ein Gefühl? Das Ego findet: es wäre das Ende, der komplette Verlust seines Selbstwertgefühls, die Vernichtung!

 

Die innere Stimme der Weisheit

 

"Das Leben ist nicht, wie es sein sollte. Es ist, wie es ist." sagt die die berühmte Systemikerin Virginia Satir. Das heißt: Keiner ist schuld. Kein Fehler ist passiert. Alles ist immer genauso, wie es sein sollte.

 

Unsere innere Weisheit weiß, dass es genau so ist, wie es das Ego befürchtet: wir haben keine Kontrolle. Das Leben ist immer, wie es ist - damit kann man nicht diskutieren! Jeder Widerstand ist zwecklos! Leben und Tod liegen nicht in unserer Hand. In jedem Moment kann uns etwas genommen werden, das wir lieben.

 

Nur findet die Weisheit das nicht so schlimm - sie sagt, dass das die menschliche Verfassung ist. Sie sagt, dass wir uns nicht so sehr an das hängen sollten, was vergänglich ist und uns mehr auf das konzentrieren, was unveränderlich ist und zu was wir immer Zugang haben, wie zum Beispiel Liebe, Dankbarkeit oder Mitgefühl.

 

Buddha sagt, der einzige Weg zum Glück sei, gleichmütig (nicht gleichgültig!) auf das sich stets verändernde Leben zu blicken und sich davon frei zu machen bestimmte Erwartungen zu haben.

 

Das Ego ist Teil des Ganzen

 

Es scheint nun immer wieder so, als sei das Ego bzw. sein Widerstand das Problem. Als müsste es nur verschwinden und wir könnten in Frieden mit unserem Verlust sein.

 

Doch das Ego ist auch das, was uns menschlich macht. Es beinhaltet all unsere Erinnerungen und Wünsche, unsere Niederlagen und Erfolge. Es zeigt uns, was wir lieben, an was wir hängen, ohne was wir nicht leben zu können glauben, was wir wollen, was wir ablehnen und bekämpfen. Es verursacht die allzu menschlichen Gefühle, wie Traurigkeit und Freude, Wut und Mitgefühl, Angst und Mut, Hoffnungslosigkeit und Zuversicht und so viele mehr.

 

Anerkennen des Leids

 

Nichts macht weniger Sinn, als neben dem Kampf gegen die Realität auch noch einen Kampf gegen Teile von sich selbst vom Zaun zu brechen, indem wir versuchen, dieses innere Kind zum Schweigen zu bringen und damit sein Leid zu negieren.Dieser innere Kampf zeigt sich, wenn wir

  • uns selbst als irrational bezichtigen,
  • uns innerlich für bestimmte Gefühle kritisieren,
  • uns unserer Reaktionen auf unseren Verlust schämen und uns aus der Scham heraus zurückziehen,
  • uns sagen, dass wir schneller oder besser über die Trauer hinweg kommen sollten.

Verständnis und Mitgefühl

 

Unsere Aufgabe ist nicht, das Ego loszuwerden, sondern es zu lieben. Byron Katie sagt über das Ego, es sei ein verängstigtes Kind, dem sie sich mit Verständnis und Geduld nähere. Das bedeutet nicht, dass wir uns seinem Widerstand anschließen müssen, seine Geschichten und Gedanken über die “ungerechte Welt” glauben müssen oder tun müssen, was es will.

 

Genauso, wie wir unser trotziges Kind an der Supermarktkasse lieben und sein Leid verstehen können, ohne ihm deshalb die Schokolade zu kaufen.

 

Wir können uns und diesem außer Rand und Band geratenen inneren Kind mit Mitgefühl begegnen - einfach deswegen, weil es leidet. Der erste Schritt aus dem Leid hinaus, ist es anzuerkennen, nicht es abstellen zu wollen.

 

In der Praxis des Achtsamen Selbstmitgefühls wird auch der Widerstand als Leid erkannt und als solches benannt und nicht negiert. als ob du zu deinem inneren Kind bzw. Ego sagen würdest: Ja, es ist schlimm! Ja, es ist ungerecht! Ja, es hätte nicht geschehen dürfen! Ja, die Welt ist ungerecht und grausam! Ja, dies ist ein Moment des Leidens! ...

 

Selbstmitgefühl für Trauernde

 

Sich selbst bzw. dem aufständischen Ego mit Verständnis und Mitgefühl zu begegnen ist der erste Schritt, um den Widerstand gegen die Realität aufzugeben!

 

Den Widerstand aufzugeben bedeutet:

  • das Leid anzuerkennen und benennen - im Gegensatz dazu, es zu bekämpfen,
  • sich zu erlauben, den Schmerz des Verlustes zu fühlen,
  • zu erkennen, dass der Widerstand und das Leid menschlich sind und alle Menschen es erleben und 
  • dass Verständnis und Mitgefühl einen leichter durch die schmerzlichen Gefühle bringen, als innerer Kampf.

 

Der einzige Weg aus der Trauer heraus, ist durch sie hindurch. Und hindurch kommen wir nur dann, wenn wir uns in unserem Leid und unserem Schmerz beistehen können. Wenn wir freundlich zu uns sein können - auch wenn wir irrational, im Widerstand und völlig außer Rand und Band sind. All das gehört dazu!

 

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